Heute vor 80 Jahren verübte Georg Elser ein Attentat auf Hitler, der leider schief lief. Bei seiner Verhaftung in Konstanz am gleichen Abend des 8. November 1939 hatte Georg Elser unter dem Kragen seiner Jacke ein Abzeichen des kommunistischen Roten Frontkämpferbundes angesteckt. Dies wird bei der aktuellen Ehrung verschwiegen, aber Georg Elser war einer von uns!

Johann Georg Elser und das Attentat auf Hitler

Die Schatulle ist fein gearbeitet. Die Maserung des Holzes bildet das Grundmuster, die Intarsien sind sauber eingelegt und noch nach einem halben Jahrhundert paßt alles fehlerfrei zusammen. In feiner Schrift – aus hellem Holz – steht auf dem Deckel der Name »Maria«. Man sieht, daß derjenige, der dieses kleine Stück geschaffen hat, ein gründlicher Arbeiter ist, einer, der seine Arbeit liebt, der auch im Detail präzise ist. Die Schatulle ist ein Werk des Kunstschreiners Johann Georg Elser. Sie ist Teil einer Ausstellung, die derzeit in der »Gedenkstätte Deutscher Widerstand« in Berlin zu sehen ist und bald dauerhaft in Elsers Heimatort Königsbronn präsentiert wird. Denn Elser hätte fast die Geschichte Europas verändert – nur eine Viertelstunde fehlte…

Ein gründlicher Arbeiter

Johann Georg Elser, geboren am 4. Januar 1903, wächst im schwäbischen Königsbronn in proletarischem Milieu und christlichem Glauben auf. Er ist nachweislich schon vor 1933 ein Gegner der Nazis. 1928 oder 1929 tritt er dem »Rotfrontkämpferbund« bei. Er ist zwar Wähler, nicht aber Mitglied der KPD, und er gehört auch nach 1933 keiner der verschiedenen Widerstandsgruppen an. Er ist ein Schwabe, maulfaul aber gesellig, spielt in einem Musikzirkel Zither, ist bei den Frauen beliebt und tut seine Arbeit. Daß die Nazis nicht im Sinne der Arbeiter handeln, das sieht er, ohne dafür eine große theoretische Analyse zu brauchen. Er vergleicht einfach seinen Lohnstreifen mit dem von 1929, also vor der Wirtschaftskrise, und er sieht, daß er weniger verdient. Klar erkennt Elser, was andere nicht wahrhaben wollen: Das Regime Hitlers steuert zielstrebig auf einen Krieg zu. Er weiß, daß sein Betrieb eine »Sonderabteilung« für Rüstungsaufträge hat. 1938 fallen die Deutschen in der Tschechoslowakei ein. Große Diplomaten, geschulte Politiker, treffen sich seinerzeit mit Hitler – sie glauben nicht an seinen Willen zum Krieg, sie glauben, ihn durch eine nachgiebige Haltung befriedigen zu können. Die Westmächte beginnen ihre verhängnisvolle Politik des »Appeasement«, der vermeintlichen Befriedung durch Zugeständnisse. Der Ort, an dem Hitler diesen Erfolg verzeichnet, ist München.

Der Entschluß zum Attentat

Nach München fährt auch Elser in jenem Jahr. Er möchte einen öffentlichen Auftritt des Führers und seiner engsten Umgebung beobachten. Im November spricht Hitler im Bürgerbräukeller. Hier hatte 1923 sein gescheiterter Putschversuch begonnen, nun ein Feiertag der nationalsozialistischen Bewegung. Elser guckt sich das Lokal aus der Nähe an. Er findet, daß der Ort unbewacht und offen zugänglich ist. Einige Tage zuvor hat in Paris ein junger jüdischer Flüchtling eine Verzweiflungstat begangen und einen deutschen Diplomaten erschossen. In der Nacht, in der Elser sich München ansieht, beginnen die Nazis mit ihrem Pogrom gegen die Juden in Deutschland. Das Attentat ist ihnen der Vorwand. Auch Elser plant ein Attentat. Aber der präzise Handwerker geht anders vor als der verzweifelte, noch junge Flüchtling in Paris. Zielstrebig verfolgt er das, was er nun in den Mittelpunkt seines Lebens stellt. Ein Jahr dauern die Vorbereitungen. Als Elser sich zur Tat entschließt, verzeichnet Hitler die größten Erfolge seiner aggresiven Außenpolitik. Dennoch sinkt seine Popularität, gerade unter ArbeiterInnen, denn die Löhne stagnieren, während die Kriegs- und Rüstungsproduktion auf Hochtouren läuft. (…)

Plan und Vorbereitung

Als Elser den Entschluß zur Tat gefaßt hat, verfolgt er mit nahezu monomanischem Eifer sein Ziel. Er handelt – dies ist wohl einwandfrei belegt – völlig allein. Das beste Mittel scheint ihm, die Führung zu beseitigen, vor allem die Person Hitlers. Der beste Ort scheint ihm der Bürgerbräukeller. Hier kann man durch einen Sprengsatz den Führer direkt erwischen. Ob er einkalkuliert, daß andere, vielleicht unschuldige Menschen dabei ebenfalls sterben, wissen wir nicht. Angesichts des kommenden Krieges – zurecht sieht Elser hierin das Ziel der Nazis – nimmt er jedenfalls solche Opfer in Kauf. Er handelt in höchstem Verantwortungsbewußtsein. Ein Jahr lang bereitet er den Anschlag penibel vor. Er macht sich mit den Örtlichkeiten vertraut, fährt nach München. Er bemüht sich vergeblich um Ansstellung im Bürgerbräukeller. Ohne Vorkenntnisse aber mit dem Talent des Tüftlers entwickelt der Handwerker einen komplizierten und präzisen Zeitzünder. In seiner Firma entwendet er Sprengstoffe, später läßt er sich extra in einem Steinbruch anstellen. Nahezu alle Teile seiner Vorrichtung fertigt er selbst an, lediglich einige Metallteile läßt er in Werkstätten bearbeiten. Mitwisser gibt es nicht, schon gar keine Mithelfer. Das Material versteckt er vor seiner Familie in einem Koffer mit doppeltem Boden. Im Sommer mietet er sich in München ein und beginnt heimlich nachts im Bürgerbräukeller zu arbeiten. Die Säule, vor der der Führer sprechen wird, holt er aus. Gut getarnt schafft er einen Hohlraum für seine »Höllenmaschine«. Wochenlang arbeitet er kniend auf der Galerie des Saales. Kurz vor Hitlers Rede stellt er die beiden Uhren ein und flieht in Richtung der Schweizer Grenze. Im September ist die Wehrmacht in Polen eingefallen. Obwohl führende Militärs das Unternehmen für riskant halten, tragen sie den »Blitzkrieg« mit. Aufgrund der Kriegssituation will Hitler eigentlich zum ersten Mal nicht im Bürgerbräukeller sprechen. Er entschließt sich dann doch zu einer – für seine Verhältnisse – kurzen Rede. Während er spricht greifen übereifrige deutsche Zöllner den Attentäter an der Grenze bei Konstanz auf. In puncto Konspiration hat der sonst so gründliche Einzeltäter wohl nur geringe Kenntnisse. Schon während seiner Arbeit in München hat er Spuren hinterlassen. Die Zöllner halten ihn fest, weil er bei sich verdächtige Gegenstände führt: Metallteile – es handelt sich um Teile der Zündvorrichtung-, eine Ansichtskarte des Bürgerbräukellers, ein Abzeichen des Rotfrontkämpferbundes, Notizen zur deutschen Rüstungsproduktion.

Scheitern – um Minuten

Gegen neun Uhr abends beendet Hitler seine Rede frühzeitig und eilt zu einem Sonderzug nach Berlin. Nur eine Viertelstunde später detoniert der Sprengsatz. Am Ort der Rednertribüne erhebt sich ein Schuttberg. Die Decke ist eingestürzt, man verzeichnet acht Tote und über sechzig Verletzte, überwiegend »Alte Kämpfer« der Nazi-Bewegung. Hitler hätte den Anschlag kaum überleben können. Die Polizei wird in Alarmbereitschaft versetzt. Der Propagandaapparat verbreitet eilig eine Drahtzieherschaft des britischen Geheimdienstes in Zusammenarbeit mit den alten Rivalen um Otto Strasser, den früheren Weggefährten Hitlers. Die Kriminalpolizei und die Gestapo ermitteln fieberhaft. Die Experten sind von Sprengsatz und Zünder beeindruckt; noch Jahre später zeigt man ein Modell der Maschine in der Lehrmittelsammlung des Reichssicherheitshauptamtes.
Bald wird Elser nach München gebracht und gefoltert. Im Verhör mit der Kripo gesteht er. Die Ermittler wissen bereits, daß der Täter stundenlang kniend gearbeitet hat – und Elsers Knie sind entzündet. Er ist wohl nicht in der Folter zusammengebrochen, sondern erst, als er auf diese Verletzungen hin angesprochen wird. Er legt ein umfangreiches Geständnis ab. Dieses Geständnis hat vermutlich vielen Leuten geholfen. Denn obwohl die Gestapo seine Angehörigen festnimmt, in seinem Heimatort umfangreich ermittelt, und etwa der Besitzer des Steinbruches ein Jahr lang in einem KZ bleibt, kann Elser die Ermittler bald von seiner alleinigen Täterschaft überzeugen.
Elsers Anschlag ist eine Überzeugungstat, zu der er gewissermaßen auch im Polizeiverhör steht. Wir verdanken dem Verhörprotokoll die detaillierten Kenntnisse über Elsers Überzeugungen, Plan und Ausführung usw. Er zeichnet aus dem Gedächtnis Skizzen, baut den Apparat nach.
Auf einen Prozeß verzichten die Nazis zunächst. Sie wollen Elser nach dem »Endsieg« aburteilen. Nach weiterer Folter wird er in Sachsenhausen und Dachau in völliger Isolation von den Mitgefangenen, ständig von zwei SS-Schergen bewacht, festgehalten. Er fertigt als Kunstschreiner verschiedene Stücke für hohe Nazi-Funktionäre an. Unmittelbar vor Kriegsende wird er zeitgleich mit anderen prominenten Widerstandskämpfern ermordet. Nach 1945 ist das Interesse an Elser zunächst gering. Dieser Mann entzieht sich bis heute den Versuchen zur Vereinnahmung. Er handelte allein, konsequent, ohne Mitwisser. Er war kein Militär, auch kein ausgewiesener Demokrat im Sinne der Bundesrepublik, er war zwar Christ, aber kein Angehöriger christlicher Widerstandskreise. Er war zwar ein Prolet, aber er hielt sich nicht an die »Linie« der KPD. Wenn das Wort vom »individuellen Terror« – bezüglich der »Individualität«, nicht des »Terrors« – zutrifft, dann auf Elser. Ein anderer, der wegen »individuellen Terrors« abgeurteilt wurde, einer, der unter gänzlich an deren Bedingungen ebenfalls in Isolationshaft saß, schrieb in den 80ern ein Theaterstück über Elser: Peter-Paul Zahl (Berlin: Rotbuch 1982; »Heidenheimer Fassung«: Grafenau: Trotzdem 1996) und einige Heidenheimer Bürger setzten sich für eine Würdigung des entschlossenen Antifaschisten und Kriegsgegners ein. Eine Entschädigung der Familie blieb aus.

Elser – kein durchgeknallter Psychopath

Es bleibt die Aufgabe, die Tat nachträglich zu werten: Elsers Analyse des Faschismus war vollkommen zutreffend. Er sah, daß Hitler als maßgeblicher – und zu dieser Zeit entscheidender – Politiker den Krieg wollte. Die Annahme, durch die Beseitigung Hitlers den Krieg verhindern zu können, war 1938 sehr realistisch, und auch für 1939 ist nicht abzusehen, ob das Attentat nicht das Blatt hätte wenden können. Wäre Elser erfolgreich gewesen – die Geschichte Europas wäre zweifellos anders verlaufen. In Plan und Ausrührung bewies Elser höchstes Verantwortungsbewußtsein. Daß er Mitwisser vermied und damit sein Umfeld schützte, ist diesem Mann hoch anzurechnen. Für alle Opfer zeichnet die Gestapo und der Nationalsozialismus insgesamt verantwortlich. Johann Georg Elser war kein durchgeknallter Psychopath, kein tragischer Gesinnungstäter. Er war ein verantwortungsbewußter Mensch, der aus der Einsicht in seine Pflicht Konsequenzen zog, sein Handeln plante und seinem Ziel so nah kam, wie kaum ein

http://www.georg-elser-arbeitskreis.de
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