Wie Teile der radikalen Linken zum Klassenfeind überliefen..

Wie Teile der radikalen Linken zum Klassenfeind überliefen..

Wir veröffentlichen einen älteren Artikel (Teil einer längeren Reihe) eines Genossen zum Thema struktureller Antisemitismus, weil es leider nicht nur wegen dem Auftritt der Antilopen Gang noch aktuell ist…

Wie Teile der radikalen Linken zum Klassenfeind überliefen –
Über strukturellen Antisemitismus und Klassenkampf

Einige meinen, dass es egal ist, wofür sich in Deutschland eine Bewegung organisiert, da es beim Judenmord und Vertreibung endet. Egal wo gegen oder wo für eine Bewegung sich in Deutschland organisiert, sie bleibt deutsch und damit „strukturell“ antisemitisch. Die Deutschen würden, wenn sie sich organisieren, nur eins hervorbringen den Antisemitismus. „Weil Arbeiter und Kapitalisten Teil eines gemeinsamen fetischistischen Verblendungszusammenhanges seien, den die Arbeiterbewegung nicht transzendieren könne, liefen Klassenkämpfe zwangsläufig auf eine letztlich antisemitische Praxis hinaus. (…) der Antikapitalismus der Arbeiterbewegung sei nichts anderes als die Sehnsucht nach der Volksgemeinschaft.“ (1) Nach dem deutschen Faschismus wäre der Klassenkampf in Deutschland aufgehoben, denn der „Unterschied zwischen Herrschenden und Beherrschten wie die Konflikte zwischen den Ausbeutern und den Ausgebeuteten bedeuten in Deutschland seitdem nicht mehr Klassenkampf, sondern nur Rangeleien um die Beute“. (2)
Die Antideutschen kritisieren nicht nur den sozialen Protest, sondern feiern auch noch den Kapitalismus ab, denn „auch der Egoist, der Privatmensch also, der alleine seinen Interessen und Geschäften nachgehen will, erregt dass Misstrauen seiner um identitäre Gemeinschaft ringenden islamischen Mitbürger und ihres antiimperialistischen Anhangs im Westen. (…) Gerade diese freiwillig oder unfreiwillig Volksfremden sind es, denen alle Solidarität von Kommunisten gelten muss. Sie sind es, die noch einen Rest von Individualität und Eigensinn, von privater Lebenslust repräsentieren“. (3)
Für die Antideutschen ist der Begriff des Antisemitismus sehr weit gefasst. So verwenden sie den Begriff des „strukturellen Antisemitismus“. Nach diesem Begriff ist nicht nur der Rassismus gegen Juden antisemitisch, sondern auch ein Antikapitalismus der sich z. B. bei Betriebskämpfen konkret gegen den eigenen Arbeitgeber richtet. Dies sei eine personalisierte Kapitalismuskritik und weise eine Ähnlichkeit zum Antisemitismus auf. So setzen sie eigentlich den Kapitalisten mit den Juden gleich und reproduzieren damit antisemitische Klischees. Der Ifo-Chef Hans-Werner Sinn formulierte es ähnlich und löste ein Skandal aus als er zur Debatte um Manager sagte: „Damals hat es die Juden getroffen, heute sind die Manager.“ Die Antideutschen entsorgen den Antikapitalismus, indem sie aus dem Kapitalisten auch nur ein Opfer des Systems machen, der nur mitspielt und den man deshalb nicht im Klassenkampf bekämpfen dürfte. Dies ähnelt dem Bild der Volksgemeinschaft der Nazis, wo Arbeiter und Kapitalist im gleichen deutschen Boot sitzen. Die Antideutschen verkennen dabei, dass der Kapitalismus nicht nur ein abstraktes System ist, denn die Herrschaft des Kapitals spiegelt sich immer auch in konkreten Machtverhältnissen wieder. So steht der Arbeiterklasse eine Klasse der Kapitalisten gegenüber, die aus Menschen besteht, welche von diesem Ausbeutungsverhältnis profitieren; das Abstrakte spiegelt sich immer auch im Konkreten wieder. Darüber hinaus müssen die Verhältnisse stets aufrechterhalten werden. Natürlich trägt der einzelne Kapitalist nicht die Schuld des gesamten kapitalistischen Systems, trotzdem ist er ein Zahnrad in seinem Getriebe.
Weite Teile der Antideutschen kommen zu dem „strukturellen Antisemitismus“, weil sie Karl Marx wertkritisch auslegen, dies können sie nur dadurch, dass sie Marx spalten und nur dass für sie „Annehmbare“ behalten. Sie verkennen dabei die Bedeutung des Klassenkampfes und bleiben so hinter vielen bürgerlichen Ökonomen zurück. Die Wertkritiker bleiben nur auf der Zirkulationsebene der Waren stehen, ohne die wirklich wichtige Ebene der Ökonomie die Produktion zu analysieren, die vom Klassenkampf beherrscht wird. Der Klassenkampf spielt in Marx Schriften eine immense Rolle, so schrieb Marx zu seinen eigenen Verdiensten:
„Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen, und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, dass die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. dass diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet.“ (4) Dem fügte er noch hinzu:
„Unwissende Lümmel […], die nicht nur den Kampf, sondern sogar die Existenz der Klassen leugnen, beweisen nur, dass trotz allem ihrem bluttriefenden und humanistisch sich aufspreizenden Gebelfer, sie die gesellschaftlichen Bedingungen, worin die Bourgeoisie herrscht, für das letzte Produkt, für das nun plus ultra der Geschichte halten, dass sie nur die Knechte der Bourgeoisie sind“. (5) Auch Friedrich Engels erkannte das Problem von den „Sozialisten“, die den Weg zum Sozialismus ohne Klassenkampf erklärten: „Heutzutage gibt es auch Leute genug, die den Arbeitern von der Unparteilichkeit ihres höheren Standpunkts einen über allen Klassengegensätzen und Klassenkämpfen erhabenen Sozialismus predigen. Aber sie sind entweder Neulinge, die noch massenhaft zu lernen haben, oder aber die schlimmsten Feinde der Arbeiter, Wölfe im Schafspelz.“ (6) Viel mehr ist dem nicht hinzufügen, eine genauere Auseinandersetzung mit der Wertkritik wäre fehl am Platz. Viel wichtiger ist das aus der Wertkritik resultiert Politikverständnis der Antideutschen, in dem sie sich klar auf die Seite der Kapitalisten stellen. Jeder Kampf in einem Betrieb richtet sich nicht gegen ein abstraktes kapitalistisches System, sondern für konkrete Verbesserungen in den jeweiligen Betrieben. Konkrete Forderungen würden den Kapitalismus personalisieren und somit zum „strukturellen Antisemitismus“ führen. So verabschieden sich die Antideutschen von der konkreten Politik und bieten den Ausgebeuteten im Kapitalismus nur die Perspektive sich mit den konkreten Verhältnissen abzufinden. Dies reicht sogar so weit, dass kapitalistische Unternehmen, wie die Eröffnung des McDonalds im Schanzenviertel, gefeiert werden. Der Kapitalismus wird damit als Aufklärung verklärt.
Die Menschen sollen ihr Los im Kapitalismus einfach hinnehmen und sich mit ihrem Elend arrangieren, denn es sei ihr vom Kapitalismus zugeteiltes Schicksal, denn „das Kapital macht Menschen überflüssig. Ob sie nun, ohne dass sie jemand beachtet, einfach verhungern wie in Afrika oder Asien oder ob sie diesen Tod noch bewusst herbeisehnen, macht den einzigen Unterschied, dass letztere sich meistens nicht einfach umbringen, sondern meinen, die ganze Welt mit in den Abgrund reißen zu müssen. Al-Sarkawi, Bin Laden, Atta: sie sind Vollstrecker dessen, was die Welt, so wie sie ist, ohnehin für einen Großteil der Menschheit bereithält: den Tod. Sie aufzuhalten, heißt, Einspruch dagegen zu erheben, dass das Todesurteil das Ende der Geschichte sein soll.“ (7)
Der Kapitalismus hat uns zwar nicht fließenden Honig und Wohlstand gebracht, noch blühenden Landschaften, aber er hat angeblich uns die Blume der Zivilisation geschenkt.
Der Kapitalismus sei ein zivilisatorischer Fortschritt und müsse gegen den Rückfall notfalls mit Krieg verteidigt werden. Die barbarischen zufällig jetzt islamischen Horden, die den schwachen Kapitalismus stürzen wollen, müssen zurückgeschlagen werden und ihnen müsse auch die Blume der Zivilisation geschenkt werden. Nur so könnte die Minimalbedingung für eine soziale oder sogar sozialistische Revolution aufrechterhalten oder erst geschaffen werden. Der Kapitalismus schaffe erst die Bedingung in jedem einzelnen Land für den Sozialismus. Diese These ist nicht neu, sondern wurde in der Geschichte von der rechten Sozialdemokratie als Entschuldigung genommen, warum man noch nicht die Macht an sich reißen wollte und die Kapitalisten machen ließ. Aber wann weiß man, wann der Kapitalismus sich so weit entwickelt hat, dass die Revolution machbar ist? Oder soll dies nur dazu dienen die Revolution im Keim zu ersticken, wie in Italien und vielen anderen Ländern.
Die Antideutschen widersprechen mit ihrem Geschichtspessimismus dem Marxismus, denn sie sehen in der fundamentalen Krise der kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr die Chance zur dessen Überwindung, sondern den Weg in die Barbarei. Die Losung von Rosa Luxemburg „Sozialismus oder Barbarei“ wird umgedeutet in „Kapitalismus oder Barbarei“. (8) Sie wollen die Bewegung, welche die herrschenden Verhältnisse verändern will, aufhalten. So verkommt ihre „kommunistische“ Kritik und wird konservativ, denn Bewegung heißt für sie die Bewegung zur Barbarei, denn die „Alternative: Aufstand gegen die Herrschaft oder Pogrom gibt es jedenfalls in Deutschland und den islamischen Ländern und womöglich sogar den ach so fortschrittlichen lateinamerikanischen Ländern nicht“. (9) Sie schneiden dem Marxismus die revolutionäre Spitze ab und machen ihn somit gesellschaftskonform, denn wenn der Marxismus keine Anleitung zum Handeln mehr ist, verkommt er zum Intellektuellengeschwätz. Was soll eine Kritik am Kapitalismus, wenn er nicht darauf abzielt ihn aufzuheben und auf den Müllhaufen der Geschichte zu verfrachten.
Mit solchen antideutschen Kräften ist keine Revolution geschweige ein gemeinsamer Protest zu organisieren, da sie gerade den Bezug auf den Klassenkampf ablehnen. Der Marxismus aber geht von der revolutionären Rolle des Proletariats, wegen seiner Position in der Produktion, als Grundbedingung einer sozialistischen Revolution aus. Nicht ohne Grund fängt „Das Manifest der Kommunistischen Partei“ von Karl Marx und Friedrich Engels mit dem Satz an: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ Darin wird der Klassenkampf als Motor für die Gesellschaftsentwicklung charakterisier. Dies ist eine Maxime des historischen Materialismus und die Philosophie der Praxis. Wer also den Klassenkampf negiert, negiert damit den Marxismus. In den letzten Jahren alleine waren große Streiks und Klassenkämpfe in Deutschland zu verzeichnen. Erinnern wir uns nur an die Kämpfe der Lokführer oder den Kitastreik; und welche Perspektive hätte man als Ausgebeuteter im Kapitalismus, wenn man nicht kämpfen soll. Auf solche irrwitzigen Analysen können nur Menschen kommen, die nicht im Produktionsprozess stehen und auch nichts damit zu tun haben. Eben irgendwelche intellektuellen Dummschwätzer, die sich damit auf die Seite der Kapitalisten stellen.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ (10)

(1) Holger Wendt, Neue Rechte reloaded, S. 20.
(2) Initiative sozialistisches Forum, Kritik der deutschen Ideologie in Flugschriften, Freiburg, 2001, S. 11.
(3) Tjark Kunstreich / Horst Pankow / Justus Wermüller, Gegen den Terror negativer Gleichheit, Konkret 3/02.
(4) Karl Marx, Brief an Joseph Weidemeyer, 5. März, MEW Band 28, 507 f..
(5) Karl Marx, Brief an Joseph Weidemeyer, 5. März, MEW Band 28, 508.
(6) Friedrich Engels, Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1892 der „Lage der arbeitenden Klasse in England, MEW, Band 2, S. 641f..
(7) Jan Huiskens, Über subjektive und objektive Gründe, Islamist zu werden, in Prodomo Nr. 4
(8) Thomas Uwer / Thomas von der Osten-Sacken / Andrea Woeldike, Amerika , Der „War on terror“ und der Aufstand der Alten Welt, Freiburg 2003, S. 15.
(9) Brief der Redaktion Bahamas, Jenseits von Israel – Zur Klassenkampfpos(s)e der Antideutschen Kommunisten Berlin, http://www.trend.infopartisan.net/trd1103/t381103.html.
(10) Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Marx-Engels Werke, Band 3, Seite 7.

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