{"id":221,"date":"2019-11-09T13:21:18","date_gmt":"2019-11-09T12:21:18","guid":{"rendered":"http:\/\/roter-aufbau.de\/?p=221"},"modified":"2020-02-11T17:39:07","modified_gmt":"2020-02-11T16:39:07","slug":"221","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/roter-aufbau.de\/?p=221","title":{"rendered":"GEORG ELSER #einervonuns"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute\n vor 80 Jahren ver\u00fcbte Georg Elser ein Attentat auf Hitler, der leider \nschief lief. Bei seiner Verhaftung in Konstanz am gleichen Abend des 8. \nNovember 1939 hatte Georg Elser unter dem Kragen seiner Jacke ein \nAbzeichen des kommunistischen Roten Frontk\u00e4mpferbundes angesteckt. Dies \nwird bei der aktuellen Ehrung verschwiegen, aber Georg Elser war einer \nvon uns!<\/p>\n\n\n\n<p> Johann Georg Elser und das Attentat auf Hitler<\/p>\n\n\n\n<p> \nDie Schatulle ist fein gearbeitet. Die Maserung des Holzes bildet das \nGrundmuster, die Intarsien sind sauber eingelegt und noch nach einem \nhalben Jahrhundert pa\u00dft alles fehlerfrei zusammen. In feiner Schrift &#8211; \naus hellem Holz &#8211; steht auf dem Deckel der Name \u00bbMaria\u00ab. Man sieht, da\u00df \nderjenige, der dieses kleine St\u00fcck geschaffen hat, ein gr\u00fcndlicher \nArbeiter ist, einer, der seine Arbeit liebt, der auch im Detail pr\u00e4zise \nist. Die Schatulle ist ein Werk des Kunstschreiners Johann Georg Elser. \nSie ist Teil einer Ausstellung, die derzeit in der \u00bbGedenkst\u00e4tte \nDeutscher Widerstand\u00ab in Berlin zu sehen ist und bald dauerhaft in \nElsers Heimatort K\u00f6nigsbronn pr\u00e4sentiert wird. Denn Elser h\u00e4tte fast die\n Geschichte Europas ver\u00e4ndert &#8211; nur eine Viertelstunde fehlte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p> Ein gr\u00fcndlicher Arbeiter<\/p>\n\n\n\n<p>\n Johann Georg Elser, geboren am 4. Januar 1903, w\u00e4chst im schw\u00e4bischen \nK\u00f6nigsbronn in proletarischem Milieu und christlichem Glauben auf. Er \nist nachweislich schon vor 1933 ein Gegner der Nazis. 1928 oder 1929 \ntritt er dem \u00bbRotfrontk\u00e4mpferbund\u00ab bei. Er ist zwar W\u00e4hler, nicht aber \nMitglied der KPD, und er geh\u00f6rt auch nach 1933 keiner der verschiedenen \nWiderstandsgruppen an. Er ist ein Schwabe, maulfaul aber gesellig, \nspielt in einem Musikzirkel Zither, ist bei den Frauen beliebt und tut \nseine Arbeit. Da\u00df die Nazis nicht im Sinne der Arbeiter handeln, das \nsieht er, ohne daf\u00fcr eine gro\u00dfe theoretische Analyse zu brauchen. Er \nvergleicht einfach seinen Lohnstreifen mit dem von 1929, also vor der \nWirtschaftskrise, und er sieht, da\u00df er weniger verdient. Klar erkennt \nElser, was andere nicht wahrhaben wollen: Das Regime Hitlers steuert \nzielstrebig auf einen Krieg zu. Er wei\u00df, da\u00df sein Betrieb eine \n\u00bbSonderabteilung\u00ab f\u00fcr R\u00fcstungsauftr\u00e4ge hat. 1938 fallen die Deutschen in\n der Tschechoslowakei ein. Gro\u00dfe Diplomaten, geschulte Politiker, \ntreffen sich seinerzeit mit Hitler &#8211; sie glauben nicht an seinen Willen \nzum Krieg, sie glauben, ihn durch eine nachgiebige Haltung befriedigen \nzu k\u00f6nnen. Die Westm\u00e4chte beginnen ihre verh\u00e4ngnisvolle Politik des \n\u00bbAppeasement\u00ab, der vermeintlichen Befriedung durch Zugest\u00e4ndnisse. Der \nOrt, an dem Hitler diesen Erfolg verzeichnet, ist M\u00fcnchen.<\/p>\n\n\n\n<p> Der Entschlu\u00df zum Attentat<\/p>\n\n\n\n<p>\n Nach M\u00fcnchen f\u00e4hrt auch Elser in jenem Jahr. Er m\u00f6chte einen \n\u00f6ffentlichen Auftritt des F\u00fchrers und seiner engsten Umgebung \nbeobachten. Im November spricht Hitler im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller. Hier hatte \n1923 sein gescheiterter Putschversuch begonnen, nun ein Feiertag der \nnationalsozialistischen Bewegung. Elser guckt sich das Lokal aus der \nN\u00e4he an. Er findet, da\u00df der Ort unbewacht und offen zug\u00e4nglich ist. \nEinige Tage zuvor hat in Paris ein junger j\u00fcdischer Fl\u00fcchtling eine \nVerzweiflungstat begangen und einen deutschen Diplomaten erschossen. In \nder Nacht, in der Elser sich M\u00fcnchen ansieht, beginnen die Nazis mit \nihrem Pogrom gegen die Juden in Deutschland. Das Attentat ist ihnen der \nVorwand. Auch Elser plant ein Attentat. Aber der pr\u00e4zise Handwerker geht\n anders vor als der verzweifelte, noch junge Fl\u00fcchtling in Paris. \nZielstrebig verfolgt er das, was er nun in den Mittelpunkt seines Lebens\n stellt. Ein Jahr dauern die Vorbereitungen. Als Elser sich zur Tat \nentschlie\u00dft, verzeichnet Hitler die gr\u00f6\u00dften Erfolge seiner aggresiven \nAu\u00dfenpolitik. Dennoch sinkt seine Popularit\u00e4t, gerade unter \nArbeiterInnen, denn die L\u00f6hne stagnieren, w\u00e4hrend die Kriegs- und \nR\u00fcstungsproduktion auf Hochtouren l\u00e4uft. (&#8230;)<\/p>\n\n\n\n<p> Plan und Vorbereitung<\/p>\n\n\n\n<p>\n Als Elser den Entschlu\u00df zur Tat gefa\u00dft hat, verfolgt er mit nahezu \nmonomanischem Eifer sein Ziel. Er handelt &#8211; dies ist wohl einwandfrei \nbelegt &#8211; v\u00f6llig allein. Das beste Mittel scheint ihm, die F\u00fchrung zu \nbeseitigen, vor allem die Person Hitlers. Der beste Ort scheint ihm der \nB\u00fcrgerbr\u00e4ukeller. Hier kann man durch einen Sprengsatz den F\u00fchrer direkt\n erwischen. Ob er einkalkuliert, da\u00df andere, vielleicht unschuldige \nMenschen dabei ebenfalls sterben, wissen wir nicht. Angesichts des \nkommenden Krieges &#8211; zurecht sieht Elser hierin das Ziel der Nazis &#8211; \nnimmt er jedenfalls solche Opfer in Kauf. Er handelt in h\u00f6chstem \nVerantwortungsbewu\u00dftsein. Ein Jahr lang bereitet er den Anschlag penibel\n vor. Er macht sich mit den \u00d6rtlichkeiten vertraut, f\u00e4hrt nach M\u00fcnchen. \nEr bem\u00fcht sich vergeblich um Ansstellung im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller. Ohne \nVorkenntnisse aber mit dem Talent des T\u00fcftlers entwickelt der Handwerker\n einen komplizierten und pr\u00e4zisen Zeitz\u00fcnder. In seiner Firma entwendet \ner Sprengstoffe, sp\u00e4ter l\u00e4\u00dft er sich extra in einem Steinbruch \nanstellen. Nahezu alle Teile seiner Vorrichtung fertigt er selbst an, \nlediglich einige Metallteile l\u00e4\u00dft er in Werkst\u00e4tten bearbeiten. \nMitwisser gibt es nicht, schon gar keine Mithelfer. Das Material \nversteckt er vor seiner Familie in einem Koffer mit doppeltem Boden. Im \nSommer mietet er sich in M\u00fcnchen ein und beginnt heimlich nachts im \nB\u00fcrgerbr\u00e4ukeller zu arbeiten. Die S\u00e4ule, vor der der F\u00fchrer sprechen \nwird, holt er aus. Gut getarnt schafft er einen Hohlraum f\u00fcr seine \n\u00bbH\u00f6llenmaschine\u00ab. Wochenlang arbeitet er kniend auf der Galerie des \nSaales. Kurz vor Hitlers Rede stellt er die beiden Uhren ein und flieht \nin Richtung der Schweizer Grenze. Im September ist die Wehrmacht in \nPolen eingefallen. Obwohl f\u00fchrende Milit\u00e4rs das Unternehmen f\u00fcr riskant \nhalten, tragen sie den \u00bbBlitzkrieg\u00ab mit. Aufgrund der Kriegssituation \nwill Hitler eigentlich zum ersten Mal nicht im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller \nsprechen. Er entschlie\u00dft sich dann doch zu einer &#8211; f\u00fcr seine \nVerh\u00e4ltnisse \u2013 kurzen Rede. W\u00e4hrend er spricht greifen \u00fcbereifrige \ndeutsche Z\u00f6llner den Attent\u00e4ter an der Grenze bei Konstanz auf. In \npuncto Konspiration hat der sonst so gr\u00fcndliche Einzelt\u00e4ter wohl nur \ngeringe Kenntnisse. Schon w\u00e4hrend seiner Arbeit in M\u00fcnchen hat er Spuren\n hinterlassen. Die Z\u00f6llner halten ihn fest, weil er bei sich verd\u00e4chtige\n Gegenst\u00e4nde f\u00fchrt: Metallteile &#8211; es handelt sich um Teile der \nZ\u00fcndvorrichtung-, eine Ansichtskarte des B\u00fcrgerbr\u00e4ukellers, ein \nAbzeichen des Rotfrontk\u00e4mpferbundes, Notizen zur deutschen \nR\u00fcstungsproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p> Scheitern &#8211; um Minuten<\/p>\n\n\n\n<p> Gegen neun Uhr \nabends beendet Hitler seine Rede fr\u00fchzeitig und eilt zu einem Sonderzug \nnach Berlin. Nur eine Viertelstunde sp\u00e4ter detoniert der Sprengsatz. Am \nOrt der Rednertrib\u00fcne erhebt sich ein Schuttberg. Die Decke ist \neingest\u00fcrzt, man verzeichnet acht Tote und \u00fcber sechzig Verletzte, \n\u00fcberwiegend \u00bbAlte K\u00e4mpfer\u00ab der Nazi-Bewegung. Hitler h\u00e4tte den Anschlag \nkaum \u00fcberleben k\u00f6nnen. Die Polizei wird in Alarmbereitschaft versetzt. \nDer Propagandaapparat verbreitet eilig eine Drahtzieherschaft des \nbritischen Geheimdienstes in Zusammenarbeit mit den alten Rivalen um \nOtto Strasser, den fr\u00fcheren Weggef\u00e4hrten Hitlers. Die Kriminalpolizei \nund die Gestapo ermitteln fieberhaft. Die Experten sind von Sprengsatz \nund Z\u00fcnder beeindruckt; noch Jahre sp\u00e4ter zeigt man ein Modell der \nMaschine in der Lehrmittelsammlung des Reichssicherheitshauptamtes.<br> \nBald wird Elser nach M\u00fcnchen gebracht und gefoltert. Im Verh\u00f6r mit der \nKripo gesteht er. Die Ermittler wissen bereits, da\u00df der T\u00e4ter \nstundenlang kniend gearbeitet hat &#8211; und Elsers Knie sind entz\u00fcndet. Er \nist wohl nicht in der Folter zusammengebrochen, sondern erst, als er auf\n diese Verletzungen hin angesprochen wird. Er legt ein umfangreiches \nGest\u00e4ndnis ab. Dieses Gest\u00e4ndnis hat vermutlich vielen Leuten geholfen. \nDenn obwohl die Gestapo seine Angeh\u00f6rigen festnimmt, in seinem Heimatort\n umfangreich ermittelt, und etwa der Besitzer des Steinbruches ein Jahr \nlang in einem KZ bleibt, kann Elser die Ermittler bald von seiner \nalleinigen T\u00e4terschaft \u00fcberzeugen.<br> Elsers Anschlag ist eine \n\u00dcberzeugungstat, zu der er gewisserma\u00dfen auch im Polizeiverh\u00f6r steht. \nWir verdanken dem Verh\u00f6rprotokoll die detaillierten Kenntnisse \u00fcber \nElsers \u00dcberzeugungen, Plan und Ausf\u00fchrung usw. Er zeichnet aus dem \nGed\u00e4chtnis Skizzen, baut den Apparat nach.<br> Auf einen Proze\u00df \nverzichten die Nazis zun\u00e4chst. Sie wollen Elser nach dem \u00bbEndsieg\u00ab \naburteilen. Nach weiterer Folter wird er in Sachsenhausen und Dachau in \nv\u00f6lliger Isolation von den Mitgefangenen, st\u00e4ndig von zwei SS-Schergen \nbewacht, festgehalten. Er fertigt als Kunstschreiner verschiedene St\u00fccke\n f\u00fcr hohe Nazi-Funktion\u00e4re an. Unmittelbar vor Kriegsende wird er \nzeitgleich mit anderen prominenten Widerstandsk\u00e4mpfern ermordet. Nach \n1945 ist das Interesse an Elser zun\u00e4chst gering. Dieser Mann entzieht \nsich bis heute den Versuchen zur Vereinnahmung. Er handelte allein, \nkonsequent, ohne Mitwisser. Er war kein Milit\u00e4r, auch kein ausgewiesener\n Demokrat im Sinne der Bundesrepublik, er war zwar Christ, aber kein \nAngeh\u00f6riger christlicher Widerstandskreise. Er war zwar ein Prolet, aber\n er hielt sich nicht an die \u00bbLinie\u00ab der KPD. Wenn das Wort vom \n\u00bbindividuellen Terror\u00ab &#8211; bez\u00fcglich der \u00bbIndividualit\u00e4t\u00ab, nicht des \n\u00bbTerrors\u00ab &#8211; zutrifft, dann auf Elser. Ein anderer, der wegen \n\u00bbindividuellen Terrors\u00ab abgeurteilt wurde, einer, der unter g\u00e4nzlich an \nderen Bedingungen ebenfalls in Isolationshaft sa\u00df, schrieb in den 80ern \nein Theaterst\u00fcck \u00fcber Elser: Peter-Paul Zahl (Berlin: Rotbuch 1982; \n\u00bbHeidenheimer Fassung\u00ab: Grafenau: Trotzdem 1996) und einige Heidenheimer\n B\u00fcrger setzten sich f\u00fcr eine W\u00fcrdigung des entschlossenen \nAntifaschisten und Kriegsgegners ein. Eine Entsch\u00e4digung der Familie \nblieb aus.<\/p>\n\n\n\n<p> Elser &#8211; kein durchgeknallter Psychopath<\/p>\n\n\n\n<p> Es \nbleibt die Aufgabe, die Tat nachtr\u00e4glich zu werten: Elsers Analyse des \nFaschismus war vollkommen zutreffend. Er sah, da\u00df Hitler als \nma\u00dfgeblicher &#8211; und zu dieser Zeit entscheidender &#8211; Politiker den Krieg \nwollte. Die Annahme, durch die Beseitigung Hitlers den Krieg verhindern \nzu k\u00f6nnen, war 1938 sehr realistisch, und auch f\u00fcr 1939 ist nicht \nabzusehen, ob das Attentat nicht das Blatt h\u00e4tte wenden k\u00f6nnen. W\u00e4re \nElser erfolgreich gewesen &#8211; die Geschichte Europas w\u00e4re zweifellos \nanders verlaufen. In Plan und Ausr\u00fchrung bewies Elser h\u00f6chstes \nVerantwortungsbewu\u00dftsein. Da\u00df er Mitwisser vermied und damit sein Umfeld\n sch\u00fctzte, ist diesem Mann hoch anzurechnen. F\u00fcr alle Opfer zeichnet die\n Gestapo und der Nationalsozialismus insgesamt verantwortlich. Johann \nGeorg Elser war kein durchgeknallter Psychopath, kein tragischer \nGesinnungst\u00e4ter. Er war ein verantwortungsbewu\u00dfter Mensch, der aus der \nEinsicht in seine Pflicht Konsequenzen zog, sein Handeln plante und \nseinem Ziel so nah kam, wie kaum ein <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttp:\/\/www.georg-elser-arbeitskreis.de\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttps:\/\/www.antifainfoblatt.de\/\u2026\/johann-georg-elser-und-das\u2026\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor 80 Jahren ver\u00fcbte Georg Elser ein Attentat auf Hitler, der leider schief lief. 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