{"id":605,"date":"2020-04-27T14:42:22","date_gmt":"2020-04-27T12:42:22","guid":{"rendered":"http:\/\/roter-aufbau.de\/?p=605"},"modified":"2020-04-27T14:43:55","modified_gmt":"2020-04-27T12:43:55","slug":"interview-zum-pflegenotstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/roter-aufbau.de\/?p=605","title":{"rendered":"Interview zum Pflegenotstand"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>Aktuell fehlen ca. 80.000 Pfleger*innen in Deutschland und bis zum Jahr 2035 sollen es ca. 307.000 sein. Schon jetzt arbeiten die Pfleger*innen am Limit und betreuen im Durchschnitt ca. 13 Patienten pro Pflegekraft. Miese Bezahlung, Personalmangel und die Profitgier der Kliniken f\u00fchren zu unhaltbaren Zust\u00e4nden, auch vor der Coronakrise. Seit Jahren k\u00e4mpft die Pflege f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen und prangert die Situation an, sodass wahrscheinlich jeder vom \u201ePflegenotstand\u201c geh\u00f6rt hat. Getan hat sich oftmals nicht viel, denn die Bedingungen ver\u00e4ndern sich schleppend. Seit der Coronakrise werden die systemrelevanten Berufsgruppen, vor allem Pfleger*innen energisch beklatscht und mit Lobeshymnen \u00fcberh\u00e4uft, wie wichtig sie doch seien. W\u00e4hrend die Pfleger*innen und andere Arbeiter*innen also mit Solidarit\u00e4t \u00fcberh\u00e4uft werden greift der Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) weiter die Arbeitnehmer*innenrechte an und f\u00fchrt den 12-Stundentag mitsamt 60-Stundenwoche ein. Um einen Einblick in die aktuelle Situation rund um Solidarit\u00e4t, Pflege und Hubertus Heil zu gewinnen haben wir eine Pflegerin interviewet, die in einer Klinik arbeitet und in der betrieblichen Interessensvertretung aktiv ist.<\/em><\/p>\n<p><strong>RA: Wie macht sich die aktuelle Situation in deinem Arbeitsalltag bemerkbar?<\/strong><\/p>\n<p>P: Aktuell bekommen wir von unserem Arbeitgeber nur w\u00f6chentliche Dienstpl\u00e4ne, wodurch sich die Arbeit massiv auf das Privatleben auswirkt. Ich kann privat nicht vorausschauend planen. Soziale Kontakte sind durch die Coronakrise eh schon massiv eingeschr\u00e4nkt, aber nun wird auch mein Privatleben durch spontane Arbeitseins\u00e4tze beeinflusst. Auch haben wir eine allgemeine Verunsicherung bei der Belegschaft. Ausgel\u00f6st wird diese Verunsicherung vor allem aufgrund von fehlendem Arbeitsschutz bei der Arbeit. Wir haben keine Kittel und keine Mundsch\u00fctze auf der Arbeit, wodurch wir einer erheblichen Gefahr der Ansteckung ausgesetzt sind.<\/p>\n<p><strong>RA: Wie reagiert die betriebliche Interessensvertretung auf die Situation?<\/strong><\/p>\n<p>P: Wir versuchen zusammen mit der Gewerkschaft zu intervenieren. Dazu geh\u00f6rt, dass wir Flugbl\u00e4tter verteilen, um \u00fcber die aktuelle Situation und die Rechte der Belegschaft aufzukl\u00e4ren. Ver.di thematisiert dabei stark das Missachten von Betriebsvereinbarungen, die auch w\u00e4hrend solcher Krisen gelten.<\/p>\n<p><strong>RA: Pfleger und weitere \u201esystemrelevante\u201c Gruppen werden ja aktuell durch die Bev\u00f6lkerung beklatscht und mit Lob \u00fcberh\u00e4uft. Wie siehst du die Solidarit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p>P: Ich glaube und bef\u00fcrchte, dass es nur eine Solidarit\u00e4t auf Zeit ist und das ganze nach der Pandemie abschwillt. Jeder wusste und wei\u00df, dass die Pflege unterbesetzt ist, vor allem Leute die selber station\u00e4r behandelt wurden. Sobald die Gefahr der Ansteckung abschwillt werden die Leute wahrscheinlich ihre Solidarit\u00e4t vergessen und uns nicht beim Streik oder anderen Arbeitsk\u00e4mpfen unterst\u00fctzen. Eine Solidarit\u00e4t vor Ort nach der Pandemie w\u00e4re lobenswert.<\/p>\n<p><strong>RA: Der Arbeitsminister Hubertus Heil hat verabschiedet, dass die Ruhepausen von elf auf neun Stunden verk\u00fcrzt werden d\u00fcrfen und ihr nun auch in Schichten arbeiten k\u00f6nnt, die zw\u00f6lf Stunden gehen k\u00f6nnen. Was denkst du \u00fcber solche Ma\u00dfnahmen?<\/strong><\/p>\n<p>P: Pflege hat halt auch schon vor Corona \u00fcber dem eigentlichen Limit gearbeitet. In der Pflege ist es bekannt, dass ein Gro\u00dfteil der Belegschaft massive \u00dcberstunden aufgebaut hat, da die Leute jetzt schon Mehrarbeit leisten. Ich frage mich, wie lange die Pfleger*innen es noch schaffen werden \u00fcber ihrem Limit zu arbeiten. Die Pflege muss nun halt ausbaden, was die Politik verbockt hat. Privatisierung und \u00d6konomisierung der Pflege hat dazu gef\u00fchrt, wo wir sind.<br \/>\n(Anm. d. R.: Die meisten Krankenh\u00e4user und Kliniken befinden sich in Hand von Unternehmen, die nat\u00fcrlich auch Profite erwirtschaften m\u00fcssen, was auch erkl\u00e4rt, dass ein Teil der Operationen in Deutschland ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen werden. Allein der Profit muss gew\u00e4hrleistet werden, sodass an allen Ecken und Kanten versucht wird Gelder einzusparen, um den Gewinn zu maximieren. Auch w\u00e4hrend der Coronakrise beschwerten sich die Kliniken massiv, dass sie keine Operationen durchf\u00fchren k\u00f6nnen und daher vor dem finanziellen Ruin stehen)<\/p>\n<p><strong>RA: Du sprichst die \u00d6konomisierung und Privatisierung der Pflege an. Welche Perspektive w\u00fcnschst du dir f\u00fcr die Pflege?<\/strong><\/p>\n<p>P: Dass der Gesundheitssektor, egal ob ambulant, station\u00e4r, teilstation\u00e4r, akut oder Langzeitbehandlung explizit auch die Altenpflege wieder rein in \u00f6ffentlicher Hand ist und alle Pflegeberufe tarifiert werden. Auch ein anderer Personalschl\u00fcssel muss umgesetzt werden, der auch den Anforderungen gerecht wird.<\/p>\n<p><em>Wir bedanken uns f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktuell fehlen ca. 80.000 Pfleger*innen in Deutschland und bis zum Jahr 2035 sollen es ca. 307.000 sein. 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