{"id":620,"date":"2020-05-03T16:38:09","date_gmt":"2020-05-03T14:38:09","guid":{"rendered":"http:\/\/roter-aufbau.de\/?p=620"},"modified":"2020-05-03T16:38:09","modified_gmt":"2020-05-03T14:38:09","slug":"1-mai-in-zeiten-der-coronakrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/roter-aufbau.de\/?p=620","title":{"rendered":"1. Mai in Zeiten der Coronakrise"},"content":{"rendered":"<p>Wir haben den 1. Mai unter den schwersten Bedingungen der letzten Jahre hinter uns gebracht und an dieser Stelle das Bed\u00fcrfnis einer ersten Auswertung.\u00a0In der letzten Zeit haben wir viel \u00fcber die Bedeutung des 1. Mais f\u00fcr uns und unsere Bewegung geschrieben, wie wir zum Beispiel mit den Ausgangsbeschr\u00e4nkungen und Kontaktverboten umgehen werden. Wir stehen immer noch hinter unseren Aussagen und wollen nun auf die konkreten Ereignisse und die Vorbereitung eingehen.<\/p>\n<p>Wir haben vor einiger Zeit s\u00e4mtliche Hamburger Gruppen zu einem Vorbereitungstreffen eingeladen, die sich klassenpolitisch einbringen und ein revolution\u00e4ren Anspruch f\u00fcr sich formulieren. Dabei haben wir von Anfang an erkl\u00e4rt, dass unsere Strukturen den 1. Mai nicht so stemmen k\u00f6nnen, wie wir ihn gern durchf\u00fchren wollen w\u00fcrden. Mit den organisatorischen Aufgaben und der inhaltlichen Gestaltung der Demo sind wir neben den allt\u00e4glichen K\u00e4mpfen in einem Ma\u00dfe \u00fcberfordert, dass beides ungen\u00fcgend erf\u00fcllt w\u00fcrde. Dennoch haben wir es nicht geschafft, die Gruppen zu einer Zusammenarbeit zum 1. Mai zu \u00fcberzeugen. Alle finden es wichtig, aber keiner konnte\/wollte Kapazit\u00e4ten daf\u00fcr aufbringen. So sind wir wieder in eine Rolle des Dienstleisters geraten. Unser aktuelles Politikverst\u00e4ndnis widerspricht einer Stellvertreterpolitik, in der wir f\u00fcr Unterhaltung und ein fertiges Konzept sorgen sollen. Unsere Politik ist nicht zum Konsumieren da, wir wollen die Menschen viel mehr agitieren und aktivieren. So war das Konzept in diesem Jahr nach dem &#8222;Out of Control&#8220;-Prinzip auch ausgelegt. Der 1. Mai ist demnach auch ein Gradmesser f\u00fcr die eigene Bewegung, dies mal aber unter massiv eingeschr\u00e4nkten Bedingungen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Corona-Regelungen in einigen Leben- und Wirtschaftsbereichen gelockert wurden, war das Demonstrieren kategorisch verboten worden.\u00a0Aktuell kann man wieder munter einkaufen gehen und wird immer noch oder wieder gezwungen zu arbeiten, womit die Last der Coronakrise ins Privatleben gedr\u00e4ngt wird.\u00a0Die Gesch\u00e4fte sollen laufen und die Profite sprudeln &#8211; Protest und Kritik sind jedoch fehl am Platz.\u00a0Mit diesem Zustand wollten wir uns aber nichtzufrieden geben. Es wurden zwar kleine Kundgebungen mit 25 Personen genehmigt, welche wir aber f\u00fcr den revolution\u00e4ren 1. Mai abgelehnt haben, weil diese weder umsetzbar gewesen w\u00e4ren, noch unserem Kampftag gerecht geworden w\u00e4ren. Denn auch die symbolische Aussagekraft, in einem abgesteckten Bereich mit 25 Personen durch die Gnade der Herrschenden Protest zu simulieren, wollten wir nicht ausstrahlen. Auch wenn wir f\u00fcr eine Demonstration klagten, war uns klar, dass die Erfolgsaussichten gering waren. Deshalb mussten wir davon ausgehen, dass die Demonstration verboten werden w\u00fcrde.\u00a0Diese Ungewissheit hat uns und die Mobilisierung belastet. Auch wenn Verbote und b\u00fcrgerliche Gesetze f\u00fcr uns kein Ma\u00dfstab unseres Handelns sind, so schrecken sie doch viele Menschen davon ab, sich einzubringen und haben auch direkten Einfluss auf die Vermittelbarkeit unserer Sache eben diesen Menschen gegen\u00fcber. Noch dazu trug auch die Presse &#8211; sowohl b\u00fcrgerliche als auch linke &#8211; ihren Teil zu Demobilisierung bei. Wir beschlossen also f\u00fcr 20 Uhr zur Reeperbahn zu mobilisieren, um zum Einen flexibel zu bleiben und zum Anderen dennoch einen fixen Anlauf- und Zeitpunkt zu setzen.<\/p>\n<p>Schon ab 18 Uhr war am 1. Mai der gesamte Bereich um die Reeperbahn mit Cops, Wasserwerfern, R\u00e4umpanzern und anderem Beiwerk abgeriegelt. Sp\u00e4ter kamen noch Hubschrauber hinzu. Insgesamt waren 2000 Polizisten im Einsatz, etwa 600 Bullen aus anderen Bundesl\u00e4ndern unter ihnen auch einige in \u201eLederhosen\u201c. Dennoch kamen Leute durch die einzelnen Polizeiketten durchgeflossen und sammelten sich an einigen Punkten entlang der Reeperbahn. Bis kurz vor 21 Uhr waren dann direkt auf der Reeperbahn etwa 1000 Personen und in den anliegenden Stra\u00dfen noch mal einige Hundert. Die gr\u00f6\u00dften Ansammlungen waren zun\u00e4chst Reeperbahn\/Talstra\u00dfe mit etwa 500 Personen, dann h\u00f6he Davidstra\u00dfe mit 200 Personen und U-Bahnhof St. Pauli wieder mit einigen Hunderten Personen. Als die Leute anfingen, Parolen zu rufen und auf die Fahrbahn zu gehen, trieb die Polizei sie erstmalig auseinander in Richtung U-Bahnhof St. Pauli.\u00a0Die Menge zersplitterte sich langsam auf und fand dann wieder zusammen. Immer wieder wurden im direkten Umfeld Polizeieinheiten und auch Institutionen des Kapitals angegriffen. Dieses Hin- und Her ging eine ganze Weile so weiter. Gegen 22 Uhr fand sich eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe im Schulterblatt zusammen und griff die Cops an, welche daraufhin die Stra\u00dfe dann mit Hilfe von Wasserwerfern r\u00e4umte. Bis tief in die Nacht gab es weitere Auseinandersetzungen. Insgesamt gab es laut Polizei 9 Festnahmen. Die Betroffenen sollen sich bei uns, dem Ermittlungsausschuss oder der Roten Hilfe melden.<\/p>\n<p>Beachtlich ist, dass die Cops in absoluter \u00dcberzahl waren, dennoch punktuell die Kontrolle verloren und sich somit reorganisieren mussten.\u00a0Trotz des Versammlungsverbot haben sich viele Menschen auf die Stra\u00dfe getraut. Die Polizei ging in ihrer Lagebeurteilung von 150-300 Personen aus, dies haben wir mehrmals \u00fcbertroffen.\u00a0Auch wenn es in einigen Bereichen an Organisiertheit fehlte, ist dies nicht die Schuld der Leute vor Ort, sondern zeigt den desolaten Zustand der radikalen Linken in Hamburg auf, die sich eher in Szenestreitigkeiten verliert, als ihre eigentliche Aufgabe ernsthaft wahrzunehmen. In der aktuellen Krise zeigt sich das gesamte Elend in Hamburg: versteinert in alten Konflikten und in Ohnmacht gefangen, setzt die radikale Linke den Herrschenden Nichts entgegen. Das einzige Lebenszeichen einiger Teile der Szene war, dass sie im Vorfeld des 1. Mais in alter Tradition unsere Plakate abrissen. Wir erwarten von diese Leuten nichts mehr, als ihren Untergang in den Scho\u00df der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Wir bedanken uns bei unseren GenossInnen aus Magdeburg, Kiel, Rostock, NRW und allen Anderen, die diesen Weg auf sich genommen haben, um am 1.Mai gemeinsam mit uns auf die Stra\u00dfe zu gehen &#8211; trotz und gerade wegen der aktuellen Situation!<\/p>\n<p>Der 1. Mai ist ein Symbol der direkten Klassenauseinandersetzung und kann Klassenbewusstsein schaffen. F\u00fcr uns hat dieser Tag mal wieder gezeigt, dass wir uns auch in wilden Zeiten die Stra\u00dfe erk\u00e4mpfen m\u00fcssen. Sichergeglaubte b\u00fcrgerliche Grundrechte werden von heut auf morgen abgeschafft und die Zivilgesellschaft zeigt sich dezimiert in der Schockstarre. Wir k\u00f6nnen nur auf unsere eigene Klasse aufbauen und m\u00fcssen trotz der \u00dcberrumpelung der aktuellen Ereignisse Strukturen f\u00fcr die zuk\u00fcnftigen Auseinandersetzungen schaffen. Nur so k\u00f6nnen wir irgendwann einmal die Machtfrage stellen! Diese kleinteilige und m\u00fchselige Arbeit findet jeden Tag im Jahr statt, also krempeln wir unsere \u00c4rmel hoch und packen es an.<\/p>\n<p><em>Zusammen k\u00e4mpfen gegen Staat und Kapital \u2013 Zusammenhalten gegen Repression!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben den 1. Mai unter den schwersten Bedingungen der letzten Jahre hinter uns gebracht und an dieser Stelle das Bed\u00fcrfnis einer ersten Auswertung.\u00a0In der&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/roter-aufbau.de\/?p=620\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">1. 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