{"id":701,"date":"2020-11-17T11:17:15","date_gmt":"2020-11-17T10:17:15","guid":{"rendered":"http:\/\/roter-aufbau.de\/?p=701"},"modified":"2020-12-12T11:19:42","modified_gmt":"2020-12-12T10:19:42","slug":"warum-linksradikal-sein-kein-hobby-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/roter-aufbau.de\/?p=701","title":{"rendered":"Warum \u201eLinksradikal-Sein\u201c kein Hobby ist"},"content":{"rendered":"<p><em>Der folgende Text soll eine Erneuerung, bzw. Ankn\u00fcpfung einer Ver\u00f6ffentlichung von N\u00fcrnberger Genoss*innen darstellen, die im Jahr 2013 unter dem Titel <\/em><a href=\"https:\/\/www.autonomie-magazin.org\/2019\/01\/21\/mein-hobby-linksradikal-sein\/\"><em>\u201eMein Hobby: Linksradikalsein!\u201c<\/em><\/a><em>in der <\/em>barricada<em> erschienen ist. Das zentrale Thema ist keine neue Entwicklung, scheint uns aber zur Zeit ein akutes, schwerwiegendes Problem der radikalen Linken sowohl in Hamburg als auch deutschlandweit zu sein.<\/em><\/p>\n<p>Vom Roten Aufbau Hamburg<\/p>\n<p>Ob durch einen Vortragsabend einer ortsbekannten Gruppe zum G20-Gipfel, einen Lesekreis von Freundesfreunden zur Einf\u00fchrung in die Kapitalismuskritik, direkt agitiert auf der Frauenkampfdemo am 8. M\u00e4rz oder sogar durch Gespr\u00e4che mit Kolleg*innen im Betrieb \u2013 wir alle sind auf unterschiedlichste Arten und zu verschiedenen Zeitpunkten in das Gef\u00fcge der sogenannten \u201elinken Szene\u201c gelangt.<\/p>\n<p>So unterschiedlich unser Zugang zu linker Politik zu Beginn war, so verschieden sind auch unsere Lebenssituationen w\u00e4hrend unseres Treibens in organisierten Strukturen. Der Eine macht sein Abi nach und muss sich nebenbei um seine j\u00fcngeren Geschwister k\u00fcmmern, die Andere macht eine Ausbildung zur Friseurin und arbeitet abends in einer Kneipe, um sich ihr WG-Zimmer leisten zu k\u00f6nnen und wiederum Andere setzen sich in ihrem Studium ohnehin fortlaufend mit namenhaften Philosophen und wissenschaftlichen Thesen auseinander oder bangen seit der letzten Aktion wegen der frisch auferlegten Bew\u00e4hrungsstrafe um ihren Arbeitsplatz als Erzieher*innen. Wir alle haben unterschiedlich viel Kapazit\u00e4ten \u2013 ob zeitlich, finanziell oder einfach kr\u00e4ftem\u00e4\u00dfig (physisch) \u2013 um uns politisch zu engagieren.<\/p>\n<p>Was uns aber eint, ist das Bewusstsein dar\u00fcber, dass uns die bestehenden Verh\u00e4ltnisse ankotzen und wir etwas ver\u00e4ndern wollen, weil es so wie es ist, nicht bleiben kann. Wir wollen den Kapitalisten, die sich auf unseren Nacken, durch den Mehrwert unserer Arbeitskraft, ein sch\u00f6nes Leben machen, nicht weiter in die Karten spielen. Wir wollen nicht hinnehmen, dass anst\u00e4ndige Bildung eine Frage von Klassenzugeh\u00f6rigkeit bleibt. Wir wollen nicht, dass es der Status Quo bleibt, dass Frauen neben ihrer ohnehin schlechter bezahlten Lohnarbeit noch nahezu alleinig die unbezahlte Reproduktionsarbeit verrichten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Um diesen und den anderen unz\u00e4hligen Ausw\u00fcchsen des kapitalistischen Systems effektiv entgegen zu wirken, halten wir es nat\u00fcrlich f\u00fcr den sinnvollsten Weg, sich in einer revolution\u00e4ren Gruppe zu organisieren. Man lernt gemeinsam und voneinander die Missst\u00e4nde in der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft zu erkennen, zu analysieren und L\u00f6sungsans\u00e4tze und revolution\u00e4re Strategien zu entwerfen, beziehungsweise zu hinterfragen und gegebenenfalls zu kritisieren oder umzusetzen.<\/p>\n<p>Mit dem steigenden Grad der Organisation wird nat\u00fcrlich auch die Verantwortung f\u00fcr das politische Handeln gr\u00f6\u00dfer und die Aufgabenbereiche der Genoss*nnen werden zahlreicher. Zwischen endlosen Treffen und kr\u00e4ftezehrender Arbeit \u2013 neben der Lohnarbeit \u2013 sind die Gelegenheiten, daraus neue Energie und Motivation zu beziehen, jedoch allzu oft selten.<\/p>\n<p>Es ist naheliegend, sich also einen \u201eAusgleich\u201c zu dieser aufreibenden Arbeit zu suchen \u2013 sei es Sport, Reisen oder einfach mal \u201eandere\u201c Leute zu treffen. Das ist soweit auch richtig, denn auch wir brauchen Regenerationsphasen, die man eben nicht immer mit einer Lekt\u00fcre von Genosse Lenin erlangen kann.<\/p>\n<p>Wichtig ist dabei nur, dass wir nicht beginnen, uns in diese Freizeitbesch\u00e4ftigungen, zwischenmenschliche Beziehungen oder \u00c4hnliches zu fl\u00fcchten. Denn nichts ist schlimmer, als wenn sich eines Tages die Medaille wendet und die Politik im Gegensatz zur \u201eersten gro\u00dfen Liebe\u201c (sei es eine amour\u00f6se Beziehung, Fu\u00dfball oder Briefmarkensammeln) nur noch eine fade Nebenrolle spielt. Wir neigen dazu, diesen eben beschriebenen Worst-Case als \u201eR\u00fcckzug ins Private\u201c zu kritisieren. Diese Bezeichnung ist jedoch insofern kritisch zu betrachten, als dass sie auf den ersten Blick den Anschein erweckt, dass das Private getrennt von dem Politischen stehen w\u00fcrde. Als Kommunist*innen sehen wir das allerdings ganz und gar nicht so. So sollte unser politisches Selbstverst\u00e4ndnis stets auch unser Handeln im Privaten durchdringen und wir uns dementsprechend fortlaufend selbst reflektieren. Soll das also hei\u00dfen, dass mein Klassenbewusstsein mir also doch immer wie ein Geist vorschweben und mir den Spa\u00df im Leben vom Leibe halten soll? \u2013 Auf gar keinen Fall!<\/p>\n<p>Es gibt Phasen im Leben, in denen man sich mehr oder weniger ungewollt \u201eZeit f\u00fcr sich\u201c einr\u00e4umen muss \u2013 seien es beispielsweise famili\u00e4re Schicksalsschl\u00e4ge oder gesundheitliche Umst\u00e4nde. In solchen Zeiten ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass wir uns in einer Phase des Kampfes befinden (zumindest hier in Deutschland im fr\u00fchen 21. Jhd.), in der es v\u00f6llig legitim und wichtig ist, auch anderen Dingen neben der politischen Arbeit zeitweise Priorit\u00e4ten einzur\u00e4umen, um danach gest\u00e4rkt aus einer schwierigen Lebenssituation hervorzukommen.<\/p>\n<p>Und danach? Woher sollen wir die Motivation zum Weiterk\u00e4mpfen dann fortan beziehen? Diese oder \u00e4hnliche Fragen hat sich mit Sicherheit jede*r von uns schon mal nach der einen oder anderen Durststrecke gestellt. Darauf eine Antwort zu finden, ist gar nicht mal so einfach \u2013 ansonsten w\u00e4re die gesamte Problematik wohl auch wesentlich weniger schwerwiegend. Weder halten wir die absolute Enthaltsamkeit und die asketischen Z\u00fcge so mancher linken Str\u00f6mungen f\u00fcr richtig, noch k\u00f6nnen wir den glitzernden Partyhedonismus manch anderer Szenegruppierungen ernstnehmen und wollen auch in keinem dieser Ausw\u00fcchse einen gelungenes Beispiel f\u00fcr eine linksradikale Lebensf\u00fchrung sehen. Linken Askeseideolog*innen oder linken Hedonismusprediger*innen ist n\u00e4mlich am Ende eines gemeinsam: der Fokus auf das Individuelle, und das im schlimmsten Fall losgel\u00f6st von der Reflektion des Verh\u00e4ltnisses von individueller Lebensf\u00fchrung und Gesellschaft.<\/p>\n<p>Weder ist es f\u00fcr unsere politische Arbeit von Nutzen, wenn wir uns f\u00fcr sie bis auf den letzten Nerv und Funken Kraft aufopfern und uns jeglichen Spa\u00df versagen, noch wenn wir Teile fressend durch die Weltgeschichte tingeln und davon ausgehen, dass wir den Kapitalismus durch Raven \u00fcberwinden k\u00f6nnten. W\u00e4hrend die Einen mit ihrem Stolz auf ihre Enthaltsamkeit und ihrem Streben nach einem gest\u00e4hlten K\u00f6rper bestenfalls die neoliberalen Anspr\u00fcche der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft in Form der Selbstoptimierung erf\u00fcllen, driften die Anderen g\u00e4nzlich in ihre kunterbunte Drogenblase ab und verlieren jeglichen Bezug zur Realit\u00e4t, geschweige denn der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Die Revolution werden wir weder bei McFit vorm Spiegel mit der 100kg Langhantel im Anschlag, noch nach 72 Stunden Durchfeiern im Berghain starten. Denn erinnern wir uns daran, dass wir davon ausgehen, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt \u2013 sp\u00e4testens dann wird mehr als deutlich, dass bei beiden Beispielen etwas gewaltig schief l\u00e4uft. Nicht um zu sagen, dass es nicht wichtig sei, K\u00f6rper und Geist am Laufen zu halten und auch nicht, dass man nicht auch mal einen draufmachen darf \u2013 blo\u00df wollen wir eben weder zu neoliberalen k\u00f6rperfixierten Fitnesslarries noch zu degenerierten hedonistischen Partyleichen verkommen.<\/p>\n<p>Wir haben leider keine Anleitung namens \u201eMehr Spa\u00df an linksradikaler Politik in drei einfachen Schritten\u201c und ebenso wenig wollen wir an dieser Stelle in Konsumkritik-Geschwafel verfallen. Eines wollen wir aber ganz klar an den gegenw\u00e4rtigen Entwicklungstendenzen der Linksradikalen in Deutschland kritisieren und das ist ihr Verfall gegen\u00fcber dem b\u00fcrgerlichen Individualismus. Jede Person, die wir an die Drogen, die Karriereleiter, die Hantelbank, das Eigenheim, die romantische Beziehung, Instagram und Co verlieren, ist eine zu viel.<\/p>\n<p>Unser Kampf ist keine \u201erebellische Phase\u201c zwischen der Jugend und dem Erwachsenwerden. Unser Kampf ist ein allt\u00e4glicher, den es solange es diese Herrschaftsverh\u00e4ltnisse n\u00f6tig machen, zu bestreiten gilt. Und damit sind wir niemals allein. Wir haben keinen Feierabend von unserer politischen Arbeit, solange ein System vorherrscht, in dem unsere Klasse die unterdr\u00fcckte ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>zuerst ver\u00f6ffentlicht:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"A6ZP77vuPZ\"><p><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2020\/11\/17\/warum-linksradikal-sein-kein-hobby-ist\/\">Warum \u201eLinksradikal-Sein\u201c kein Hobby ist<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;Warum \u201eLinksradikal-Sein\u201c kein Hobby ist&#8220; &#8212; Lower Class Magazine\" src=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2020\/11\/17\/warum-linksradikal-sein-kein-hobby-ist\/embed\/#?secret=p0HEdbKyJF#?secret=A6ZP77vuPZ\" data-secret=\"A6ZP77vuPZ\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text soll eine Erneuerung, bzw. 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